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'Nirgendwo in Afrika'
 'Nirgendwo in Afrika' - ein 'Mußt-Du-gesehen-haben'-Film...
[Von Norbert Schmidt]

'Sie waren aber doch schon gestern, oder!?...' verwunderte sich der freundliche, rundliche Inhaber der 'Kammerlichtspiele', rückte seine Nickelbrille zurecht und beäugte mich rätselnd, zweifelnd und belustigt zugleich aus seinem gläsernen Kassenhäuschen heraus. Ja, ja, ich war schon gestern sein Gast und morgen werde ich es gleich noch einmal sein! Nun bin ich zwar alles andere als ein begeisterter Cineast und über die Ankündigung dieses Streifens aus reinem Zufall gestolpert; aber als Mensch, in dessen Hirn auf das Wort "Afrika" ein Anker gesetzt zu sein scheint, konnte ich das Plakat schlicht nicht überlesen:

 'Nirgendwo in Afrika' - Film-Plakat

Nichts an ihm und den im Schaufenster aushängenden Bildern konnten mich eigentlich zum Besuche reizen; die Schauspieler kannte ich nicht -sie schienen mir ausdruckslos-, von der Regisseurin hatte ich noch nie gehört und von dem ewigen Anti-Nazi-Schwulst hatte ich ohnehin längst mehr als genug. Als Kenya-Resident aber und in der Hoffnung auf die angepriesenen grandiosen Landschaftsaufnahmen aus meiner 'Wahlheimat' löste ich dann doch ohne weiteres Zaudern eine Karte.

Nach dem Kultfilm 'Jenseits Von Afrika' war es für jeden Drehbuchautor, Regisseur oder Schauspieler ein Wagnis, sich an Afrika als Handlungsrahmen oder Drehort zu wagen, nachdem so mancher Filmbegeisterte nur zu leicht dem Versuch, zu vergleichen erliegen mag. Dieser Versuchung aber, der muß widerstanden werden! So mancher Kritiker -weil Afrikakenner- hatte die verfilmte Liebesromanze zwischen Meryl Streep als dänische Baronin Karen Blixen und dem Film-Schönling Robert Redford als ihrem Geliebten Dennis Finch-Hatton als pures Klischee weißer Aristokratie abgetan und die kenyanische 'Weekly Review' kommentierte abfällig: "Der Film ist für den durchschnittlichen afrikanischen Betrachter bedeutungslos. Denn er beschwört mit unverhüllter Nostalgie Glanz und Gloria der vergangenen Kolonialzeit".

 Caroline Link[rechts]
Ganz weit entfernt von derartigen Intentionen ist mit 'Nirgendwo In Afrika' einer -ich muß es mit dickem Stifte unterstreichen- begnadeten Regisseurin ein wirklich grandioses Film-Drama gelungen. Caroline Link -am 02. Juni 1964 im hessischen Bad-Nauheim geboren- muß nicht nur wegen ihrer zarten Behutsamkeit gepriesen werden, mit der sie sich ihrem Thema zuwendet und es sacht, gemächlich und episch enfaltet, ihr muß auch zugestanden werden, daß sie ihr Handwerkszeug perfekt und virtuos beherrscht! Die ob ihres Werkes 'Jenseits der Stille' für die Verleihung eines Oscars vorgeschlagene Künstlerin weilte nach Abschluß ihrer Schulzeit ein Jahr in den USA, sammelte ab 1984 ein paar Monate erste Filmerfahrungen während eines Praktikums in den Bavaria Studios in München und war hernach als Script- und Regieassistentin bei verschiedenen Fernseh- und Spielfilmprojekten tätig. 1986 begann sie ihr Studium an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF), Abteilung Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik und legte 1990 anläßlich der Hofer Filmtage ihre 'Sommertage' als HHF-Abschlußfilm vor, der mit dem Kodak-Förderpreis ausgezeichnet wurde.

"Nirgendwo in Afrika" ist das vorerst letzte Ouvre einer Reihe erstklassiker anderer Beiträge ["Kalle der Träumer" (1992), "Spurlos" (1993), "Jenseits der Stille" (1995), "Emmeran" (1996), Pünktchen und Anton" (1998)], für die Caroline Link hervorragend ausgezeichnet worden ist [u.a. Bayerischer Filmpreis 1996, Deutscher Filmpreis 1997]. Es erzählt die leidvolle Geschichte einer deutschen Familie, die durch die unselige Einbindung und Verstrickung einer heillosen Rassenlehre in die deutsche Wirklichkeit während der Herrschaft des Nationalsozialismus wegen ihrer jüdischen Abstammung die schlesische Heimat verlassen mußte. Als Vorlage diente der gleichnamige autobiographische Roman von Stephanie Zweig.

"Meine geliebte Jettel, ich kann mir denken, in welche Aufregung Dich dieser Brief stürzen wird, aber ich bitte Dich, jetzt stark zu sein! Die jüdische Gemeinde in Nairobi hat sich letzte Woche bereit erklärt, auch die Gebühren für Eure Einwanderung zu bezahlen. Nun ist es also nach sechs Monaten endlich soweit, und ich kann Regina und Dich hierher nachkommen lassen" schreibt der bereits geflohene Rechtsanwalt Walter Redlich [Merab Ninidze] am 02.12. 1937 aus Rongai in Kenya, seiner Ehefrau [Juliane Köhler]. In kraftvollen melodramatischen und poetischen Sequenzen aber ohne dabei in Sentimentalität oder gar Kitsch abzugleiten entwickelt Caroline Link nun den Handlungsfaden:

 Lea Kurka als Regina
Lea Kurka
Mit der gemeinsamen Tochter Regina [Lea Kurka und Karoline Eckertz] reist Jettel zu ihrem Mann, der in Afrika eine kleine Farm eines dort heimischen Engländers mehr schlecht als recht bewirtschaftet. Die in einem großbürgerlichen und gut betuchten Elternhaus aufgewachsene Jettel ist von ihren ersten afrikanischen Eindrücken ernüchtert und erschüttert. Hin- und Hergerissen zwischen Faszination und Verzweiflung bricht es in der kargen, staubigen, lichtdurchfluteten heißen Dürre und Einöde aus ihr heraus: "Hier können wir doch nicht leben"!!! Ganz anders dagegen ihr früher so schüchternes Töchterchen Regina, die an der Hand ihres väterlichen Freundes -dem einheimischen Koch Owuor [Sidede Onyulo]- in ihrer neuen kenyanischen Heimat geradezu aufblüht und rasch Anschluß an die afrikanischen Gleichaltrigen findet..

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges reißt die Familie erneut auseinander: Die Engländer internieren alle Deutschen als potentielle Feinde - auch die deutschen Emigranten jüdischer Abstammung; die Männer werden in einer britischen Kaserne hinter Stacheldraht gefangen gehalten, die Frauen aber bringt man - mangels anderer Unterkünfte - im Nobelhotel Norfolk in Nairobi unter. Während dieser Haft aber erwacht die verwöhnte Jettel, für die Kenya nur ein ungeliebter Fluchtort ist, dessen Sprache und soziale Spielregeln ihr fremd sind, aus Resignation und Lethargie. Durch ihre Initiative -die allerdings ihren Preis hat- wird ihr Mann aus der Internierung entlassen. Die Familie findet in Ol Joro Orok schließlich bezahlte Arbeit und ein neues Zuhause.

 Karoline Eckertz als Regina
Karoline Eckertz
Für Regina ist die Welt auf Ol Joro Orok auch wieder in Ordnung, vor allem als auch Owuor und ihr Hund "Rummler" dort auftauchen und in dem Pokot-Jungen Jogona [Peter Lenaeku] findet das unkomplizierte Mädchen einen gleichaltrigen Freund.Im Verlaufe der Kriegsjahre lernen die Briten umzudenken und bieten deutschen Emigranten Aufgabenstellungen in der eigenen Armee an. Walter folgt dem Rufe nur allzu gerne und ist sofort bereit, dafür auch nach Nairobi zu ziehen. Doch in Jettel hat sich -wohl auch von ihr selbst unbemerkt- ein Wandel vollzogen: Nach außen hin gibt sie vor, nicht noch ein weiteres mal ihre Koffer packen und von vorne beginnen zu wollen; tief innerlich aber hat sie 'Fuß gefaßt' in diesem einst so ungeliebten Land. Sie hat erste Wurzeln geschlagen, verweigert sich und bleibt alleine auf der Farm. Das Ehepaar führt in den Folgemonaten nurmehr eine Wochenendehe und beide Partner entfernen sich noch mehr voneinder. Mit zunehmendem Selbstbewußtsein und mit wachsender Zufriedenheit widmet sich Jettel dem Betrieb der Farm, die mehr und mehr zum Mittelpunkt ihres Lebens wächst. Aber auch sie selbst reift und in ihrer Einsamkeit entwickelt sich die einst so unselbständige Frau zu einer erwachsenen und starken Persönlichkeit.

Das Ende eines aberwitzigen gegenseitigen Abschlachtens der Völker naht in den ersten Maitagen des Jahres 1945 heran und aus dem Trümmerfeld Frankfurt erreicht Walter die Nachricht, daß seine ferne Heimat Deutschland nun seiner zum Wiederaufbau bedürfe. Jettel will nicht zurück in ein Land, in dem ihre Angehörigkeiten grundlos ermordet wurden...doch Walter beharrt auf seiner Einstellung zu Kenya: "Dieses Land hat unser Leben gerettet. Aber es ist nicht unser Land". Es folgt eine Nacht des Ineinandertauchens eines schwergeprüften Paares...Hinreißend bezaubernd das kurze Streiflicht einer nackt in den Armen ihres Mannes sitzenden reifen, verklärten und erneut schwangeren Jettel... Bilder, deren stille und doch berauschende Ästhetik sooo offenkundig doch nur einer Frau gelingen könnnen!

... [Alles weitere aber, das sollten Sie schon im Kino erleben!]
Film und Handlungselemente in ihm und Schauspieler verdienen noch einige Nachsätze:

Die Rollen wurden nicht 'spektakulär' besetzt, aber mit Schauspielern, die überzeugen und daher in Erinnerung bleiben werden; die einzelnen Charaktere sind fein und treffend gezeichnet, sie werden als 'echt' und 'wahr' vermittelt und dies bis in jede einzelne Nebenrolle. In der Auswahl von Lea Kurka und Karoline Eckertz bewies die Regisseurin eine mehr als glückliche Hand.

Im Rahmen des Geschehens zeigt Caroline Link auf, wie selbstverständlich Rassenwahn 'ist' und wie selbstverständlich er aber zugleich durch Berührung und Annäherung (ver)schwindet: Während nämlich Walter -wenngleich distanziert- die einheimischen Afrikaner respektvoll und korrekt behandelt und Regina völlig unvoreingenommen, aufgeschlossen und offenherzig auf die Schwarzen zugeht, behandelt Jettel sie zunächst mit Abweisung und deutlich zur Schau getragener Arroganz. Sie -selbst Opfer einer irrsinnigen, erbarmungslosen und in ihren Wirkungen verbrecherischen Rassenlehre- praktiziert sie förmlich und wird daher von Walter nachdrücklich gerügt und in die Schranken gewiesen. Erst nach und nach schlägt ihre Art von 'Rassehochmut' in Anerkennung, Achtung und letztlich Zuneigung zu den Afrikanern um. Und den ganzen Wahnsinn, der Teil eines geschichtlichen Abschnittes der Deutschen geworden war, läßt Jettel in einem einzigen Satz aufstehen und verständlich werden, der ungefähr lautete: "Wir empfanden uns als so deutsch wie einer nur sein konnte".

Aber hier moralisierte kein Regisseur 'mit dem Hammer'; Caroline Link legte mit ruhigem Ernst und Bedachtsamkeit den Finger auf eine Wunde, die unter 'bekennenden' Deutschen immer Narbe bleiben muß und wird und an allen Brennpunkten dieser Erde aber noch immer offen und schmerzhaft blutet!

Das Ende wirkte mehr als eigentümlich auf mich... der Eindruck drängte sich auf, als habe urplötzlich das Celluloid nicht mehr gereicht... abrupt, ruckartig wird ein ansonsten eher ruhig strömendes Geschehen abgebrochen. Als bewußtes Stilmittel der Regie kann ich mir diesen Umstand eigentlich kaum erklären... und irgendwie erhob ich mich aus meinem Sessel so, als fehle mir da noch eine Szene, als müsse ich mich vergewissern, daß tatsächlich schon über dem Nachspann die Vorhänge zugezogen wurden. Ich gestehe, daß mich dies betrübte...

'Nirgendwo in Afrika' ist -leider, leider- bislang weder als VHS-Kassette noch als DVD am Markte; vermutlich wird sich dies in absehbarer Zeit ändern; bis dahin müssen Sie sich mit einem  Trailer [Link entfernt, weil Linkziel leider nicht mehr verfügbar] von immerhin rund 10 Mb bei einer Spielzeit von 03:15 Minuten begnügen. Einige vom Verlag veröffentlichte  Bilder [Link entfernt, weil Linkziel leider nicht mehr verfügbar] habe ich für Sie zur Erinnerung oder als Anreiz eingescannt.

Eine ausführlichere Inhaltsangabe finden Sie   hier [Link entfernt, weil Linkziel leider nicht mehr verfügbar], ein Gespräch mit der Regisseurin   hier [Link entfernt, weil Linkziel leider nicht mehr verfügbar]

Erwartungsgemäß erhielt der Streifen auf einer Gala im Berliner Tempodrom am 14.06.2002 in Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder den 'Goldenen Filmpreis' [dotiert mit 500.000 Euro] in der Kategorie Bester Spielfilm. Caroline Link wurde gleichfalls mit dem Filmpreis in Gold als beste Regisseurin ausgezeichnet.

Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vergab noch drei weitere "Lolas" -begehrteste Statue des nationalen Films- für die beste Kameraführung an Gernot Roll, für die beste Filmmusik an Niki Reiser und an Matthias Habich als besten Nebendarsteller.

  • Weiterführende Verweise:
  •   Afrika-Literatur [Link entfernt, weil Linkziel leider nicht mehr verfügbar] [und das Buch/Buch zum Film bei www.Amazon.de]

     Glanzvolle Intelligenzleistung-pisastudienverdächtig!!! 18.06.2002 (12:44 Uhr) Eulenspiegel
     Re: So nicht mehr! 19.06.2002 (12:55 Uhr) Zitzelsberger
     Re: So nicht mehr! 20.06.2002 (10:50 Uhr) CrazyTwins
     Re: So nicht mehr! 15.07.2003 (09:06 Uhr) rafiki
     Re: Wunder ueber Wunder :-) 15.07.2003 (17:16 Uhr) rafiki
     Caroline Link 15.03.2003 (14:49 Uhr) CrazyTwins
     Oscar für "Nirgendwo in Afrika" 24.03.2003 (04:04 Uhr) Eulenspiegel
     Re: Oscar für "Nirgendwo in Afrika" 24.03.2003 (10:21 Uhr) CrazyTwins
     "Nirgendwo in Afrika" auch in Englisch??? 24.03.2003 (13:43 Uhr) CrazyTwins
     Re: "Nirgendwo in Afrika" 25.03.2003 (09:23 Uhr) bljambo
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