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(20.06.2021, 12:51 Uhr)

 
 
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Neulich traf ich auf einem Empfang der International Moscow Bank einen erst kürzlich nach Russland entsandten Manager von Bayer, den meine kritischen Bemerkungen zur Tätigkeit der Deutschen Botschaft, insbesondere des Konsulats in Moskau, zu befremden schienen. Unter anderem monierte ich die selbstverordnete Isolation der deutschen Beamtenschaft in "Deutsch Südwest", wie ein eingezäuntes Wohnareal am südwestlichen Stadtrand Moskaus genannt wird, bzw. auf dem Gelände der Deutschen Botschaft. Er konnte mich wohl auch nicht verstehen, denn er war ja selbst aus Leverkusen direkt in eine Luxus-Einfriedung im Moskauer Umland umgezogen.

Was eigentlich bekommt der durchschnittliche in Russland tätige Deutsche so mit von den Vorgängen, vom Leben in Russland, fragte ich mich auch beim Lesen eines WELT-Artikels von Manfred Quiring. Immerhin schreibt dieser Mann schon seit Menschengedenken unermüdlich über das Land. War er eigentlich je hier? "Putin ruft seine Bürger zum Spitzeldienst am Nachbarn auf", titelte er am 18. November 2004. Quintessenz: Landesweit entstehen Stützpunkte zur Überwachung der öffentlichen Ordnung. Der Staat zahlt den freiwilligen Mitarbeitern einen Spitzellohn. Alles wie unter Stalin. Menschenrechtler gehen auf die Barrikaden. Vielleicht - in der Welt von Manfred Quiring.

Tatsächlich haben diese "Hausbevollmächtigten" und "Drushiny" nie aufgehört zu existieren. Es gab sie selbst zur Zeit des jelzinschen Chaos. Sie wirkten nur mit unterschiedlicher Intensität. Einst unstreitig als Überwachungsinstrument erfunden, haben sie - auch infolge staatlichen Desinteresses - inzwischen einen ganz anderen Stellenwert. Angesichts der faktischen Unfähigkeit und Unwilligkeit des trägen, ineffizienten und korrupten Staatsapparates, seinen Bürgern ein Minimum an Schutz und Fürsorge zuteil werden zu lassen, besinnen sich die Leute auf bewährte Mechanismen der Vergangenheit. Ob Heroinspritzen oder Randale im Hof, Autodiebstähle oder Wohnungseinbrüche, vollurinierte Treppenhäuser oder Wodkaleichen vor der Haustür: Was kümmert es den Staat?

Und die Angst vor dem Terror? Ja, sie wird von den Mächtigen benutzt. Aber doch nicht nur in Russland! Und sie ist real. In Moskau bringt man waffenstarrende Hundertschaften für ein Handgeld durch jede Polizeikontrolle. Wer würde da nicht den Notruf wählen, wenn sich Verdächtige im Keller zu schaffen machen?

Ich wäre bereit, Herrn Quiring zugute zu halten, dass seine wirklichkeitsentstellenden Darlegungen existenzielle Gründe haben könnten. Möglicherweise erwirbt man durch tendenzielles Kultivieren von Stereotypen und Klischees so etwas wie Kündigungs- oder Artenschutz. Was aber, wenn er es wirklich nicht besser weiss? Wenn er, ähnlich den deutschen Auslandsbeamten in ihren keimfreien Ghettos, aus dem landeskundlichen Abseits kommuniziert?

Jedenfalls würde es erklären, wie eine offensichtliche Mehrheit der Deutschen noch immer ein derart verzerrt-negatives Bild von Russland haben kann. Und auch, warum der Deutsche, kaum in Moskau dem Flieger entstiegen, schon mit erhobenem Zeigefinger die Einheimischen unterweist: "Sowas könnte bei uns nie vorkommen!". Könnte es doch. Aber so Banales will ja keiner lesen.

Uwe-Jens Karl, geb. 1961, lebt seit 1996 in Russland und arbeitet dort als Manager für deutsche und internationale Unternehmen, mail@uwekarl.de
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