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 Idioten 18.08.2002 (16:50 Uhr) refor
Herrn Müller-Steidners wahnwitziger Alltag

Weshalb ein thüringischer Kreisangestellter seit eineinhalb Jahren
die Bundesrepublik Deutschland verteidigen muss

Von Bernhard Honnigfort (Nordhausen)
Wenn Herr Müller-Steidner einmal so könnte, wie er wollte, nur ein
einziges Mal, was dann? "Also, ich würde die alle", sagt er, "ich
würde die auf der Stelle . . ." Dabei erhebt er sich kurz aus dem
Schreibtischstuhl, einen Augenblick nur, dann sinkt er zurück. "Ach,
lassen wir das."

Klaus Müller-Steidner, 52 Jahre alt, stellvertretender
Bauordnungsamtsleiter des Landkreises Nordhausen in Thüringen, kann
aber nicht so, wie er gern würde. Er muss sich an die Gesetze halten.
Er sitzt in seinem Büro, Zimmer Nummer 464: türkisfarbener
Teppichboden, ein hellgrauer Schrank, ein hellgraues Aktenregal,
darauf fünf orangefarbene Bände des Bauordnungsrechts Thüringen, vor
sich an der Wand ein Kalender, hinter sich ein Karte des Landkreises.
Er selbst ist von eher zierlicher Statur, sehr freundlich und korrekt
gekleidet: graue Strickjacke, ein hellblaues Hemd mit dunkelblauer
Krawatte, silberne Krawattennadel, stabile Brille. Seit elf Jahren
kümmert er sich um alle möglichen Baurechtssachen, das Übliche,
manchmal Ärger mit Bauherren, Alltagskram. Doch seit anderthalb
Jahren hat er den Ärger seines Lebens. "Ich grüble und grüble, was
man gegen solche Leute machen kann", sagt er. "Aber mit so viel
Schwachsinn hat der Gesetzgeber wohl nicht gerechnet."

Müller-Steidners Arbeitsleben veränderte sich schlagartig, als er am
4. April vergangenen Jahres im Dörfchen Sophienhof im Südharz
entdeckte, wie jemand sein Schrebergartenhäuschen in einen großzügig
bemessenen Bungalow umbaute. Er schrieb dem Mann, einem ehemaligen
SED-Vizebürgermeister von Nordhausen, einen Brief und forderte,
sofort mit dem Bau aufzuhören. Ein paar Tage später teilte ihm der
Mann mit, er besitze eine rechtskräftige Baugenehmigung vom 23. März
2000, siehe Anlage. Jurist Müller-Steidner staunte: oben ein
Wappenadler, daneben der Titel "Reichsland Freistaat Preußen,
Kommissarischer Staatsminister für Handel und Gewerbe, Der Minister,
provisorischer Amtssitz, Königsweg 1, Berlin-Zehlendorf 1". Darin
hieß es, ein Staatsminister Wolfgang Gerhard Günter Ebel genehmigte
den Umbau. Hochachtungsvoll, Unterschrift, Stempel.

Als sich Müller-Steidner in Sophienhof ein wenig umsah, entdeckte er
eine noch größere Baustelle. Direkt nebenan war jemand mit dem
Presslufthammer dabei, sein Gartenhäuschen zu unterkellern. Am
Grundstückstor hing ein Schild: "Deutsches Reich. Amtswohnung des
Staatsbeamten Andreas Traumann."

Das ist jetzt eineinhalb Jahre her. Inzwischen hat der blanke Irrsinn
seinen Weg in die Akten des Landratsamts gefunden, und Klaus
Müller-Steidner ist in eine heftige Briefschlacht mit dem Deutschen
Reich verwickelt. Seitdem beschäftigt sich das Amt mit: vier
Bauverfahren im ersten Fall, neun weiteren gegen Traumann. Es geht um
Baustoppverfügung, Nutzungsuntersagung, Räumung und Abriss der
unterkellerten Laube. Elf Mal hat Müller-Steidner die Baustelle
versiegelt und Baustopp verhängt, elf Mal wurden die Siegel
abgerissen. Etwa achtzig Mal ist der Kreisangestellte mit Kollegen
oder Polizisten, Mitarbeitern von Schlüsseldiensten, in Begleitung von
Abschleppwagen oder eines Tierarztes zum Einfangen eines Rottweilers
zu Traumanns Laube gefahren. 18 Kilometer hin, 18 zurück. Er hat
Baufahrzeuge beschlagnahmt, wurde beschimpft und angerempelt.
Manchmal musste er tatenlos abziehen, weil die Übermacht zu groß war,
manchmal trug er eine kugelsichere Weste. Aber erreicht hat er so gut
wie nichts: Andreas Traumann erkennt die Bundesrepublik Deutschland,
das Grundgesetz, die Volksvertreter, Behörden, Siegel, Flaggen und
den Kreisangestellten Müller-Steidner nicht an.

Traumann, 40 Jahre alt, nach Erkenntnissen des Landratsamts ein
ehemaliger Schlosser mit "mittlerer Intelligenz" und
Gefängniserfahrung, ist in eine Pseudowelt abgedriftet. Er gehört zu
den "Preußen", wie man im Nordhäuser Landratsamt sagt, einem Häuflein
Spinner, geschätzte 120 bis 350 Mitglieder stark, die sich
"kommissarische Regierung des Deutschen Reichs" nennen, eigene
Ausweise, Führerscheine und Nummernschilder drucken, Baugenehmigungen
erteilen und die Bundesrepublik für einen Phantomstaat halten. Laut
Bundesamt für Verfassungschutz, das auch nicht recht weiß, was es von
den Leuten halten soll, stellte das Berliner Institut für forensische
Psychiatrie 1985 in einem Gutachten für das Landeskriminalamt beim
Anführer, dem angeblichen Staatsminister Ebel, wohnhaft Berlin, 62
Jahre alt, früher Reichsbahner, eine besondere Form der Schizophrenie
fest, die ihn schuldunfähig mache.

Als Müller-Steidner das alles herausgefunden hatte, war er einen
Moment geneigt, die Angelegenheit ansatzweise kurios zu finden. Das
änderte sich aber am 12. Mai 2000 gegen 12.30 Uhr, als zwei seriös
angezogene Männer in seinem Büro auftauchten. Ein paar Tage zuvor
hatte ihm ein "Generalbevollmächtigter für den verfassungsrechtlich
besonderen Status von Berlin" einen Haftbefehl wegen Hochverrats mit
Androhung der Todesstrafe geschickt. Unten vor dem Landratsamt wartete
der Staatsbeamte Traumann mit laufendem Motor. Die Herren wollten
Müller-Steidner verhaften. "Wir sind die Vollstreckungsorgane des
Deutschen Reiches", drohten sie ihm. Das Überfallkommando verschwand
schließlich selbst für einen Tag hinter Gittern, weil Müller-Steidner
zwei echte Polizisten zu Hilfe gerufen hatte.

In Spitzenzeiten, erzählt der Jurist, hätten die "Preußen" neunzig
Prozent seiner Arbeitszeit beansprucht. Er hat das ausgerechnet:
Kilometergeld und Arbeitsstunden. "Bislang gut und gerne 100 000
Mark." Auf seine Verfügungen folgen Widersprüche, die er abweise, was
dann vor Gericht ende. Seit anderthalb Jahren gehe das so: Briefe,
Telefonate, Einsatzbesprechungen mit der Polizei, Anordnungen, dazu
Beleidigungsklagen, hin und her. Etwa zwanzig "Preußen" gebe es im
Kreis Nordhausen. Mittlerweile sei ein dritter Fall auf seinem
Schreibtisch gelandet, noch ein Mann, der sich eine Bauerlaubnis in
Berlin besorgt habe. Außerdem gebe es einen Unternehmer, der seinen
richtigen Führerschein "versoffen" habe und nun mit einer
"Reichsfahrerlaubnis" durch den Kreis kutschiere. "Wenn ich klein
beigebe, schießen die wie Pilze aus dem Boden", sagt Müller-Steidner.

Vor einem Monat glaubte er, gewonnen zu haben: Mit einer
Hundertschaft Polizei, Abschleppwagen, dem Tierarzt und einem Mann
vom Schlüsseldienst rückte er morgens um acht Uhr an, ließ das mit
Autos verbarrikadierte Grundstück räumen und den Staatsbeamten
Traumann von zwei Polizisten aus der Datsche tragen. Wieder ließ der
Jurist das einsturzgefährdete Häuschen sperren, er ließ die Möbel
abtransportieren und wies Traumann, dessen Frau und Sohn eine
Fünf-Zimmer-Wohnung im Nachbardorf zu. Doch der Staatsbeamte kehrte
zurück und hockt seitdem im neuen Dienstsitz: einem Wohnwagen im
Schrebergarten.

Andreas Traumann steht vor dem Tor zum Garten, es ist fast dunkel.
Hinter dem Tor knurrt sein Rottweiler Tina. Auf dem Waldweg davor
steht ein schrottreifer VW-Bus. "Hier ist großes Unrecht geschehen",
sagt er. Unter seiner Achsel klemmt ein Herrentäschchen. Während er
redet, fuchtelt er mit einem Kugelschreiber in der Luft herum. Das
Recht werde mit Füßen getreten von der so genannten Bundesrepublik.
Starr blickt er ins Dunkel und redet wie ein Roboter: vom so
genannten Einheitsvertrag, von den Alliierten, davon, dass es die
Bundesrepublik gar nicht gebe, sondern immer noch das Deutsche Reich
in den Grenzen von 1937. "Red nicht zu viel vom Reich", tuschelt ein
Mann hinter ihm, der seinen Namen nicht verraten möchte. "Wir werden
hier siegen. Wir sind nicht allein. Wir kriegen Geld aus dem
Ausland." Der Mann hinter ihm, der sich später als ein Unternehmer
aus dem Kyffhäuserkreis entpuppt, grinst: "Wir werden sie fertig
machen. Richtig fertig machen." Er meint die Kreisverwaltung und den
tapferen Herrn Müller-Steidner.

Spätestens im Frühjahr will der die Schwarzbauten abreißen lassen.
"Das wird jetzt durchgezogen." Er ist entschlossen, die
Bundesrepublik zu verteidigen und in der Sophienhofer
Schrebergartenanlage bundesdeutsches Recht durchzusetzen. Er hat
keine Lust mehr und findet das alles überhaupt nicht mehr witzig.
Seiner Frau darf er mit dem Thema gar nicht mehr kommen.

Und wenn er könnte, wie er wollte, einen Tag nur? "Oh," sagt er, und
seine Augen funkeln gefährlich: "Ich würde alle dem Amtsarzt
vorführen und dann einweisen lassen. In die Klapsmühle." Aber das,
fügt er hinzu, korrekt wie ein stellvertretender
Bauordnungsamtsleiter eben ist, das sei natürlich seine private
Meinung.

Frankfurter Rundschau 31.10.2001

http://www.ring-gegen-rechts-und-rassismus.de/Aktuell/10_2001/1_31.htm

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